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Allerheiligen
Die Dramaturgie des Lebens
Winfried Abel
Papst Benedikt XVI. hatte vor etwa 11 Jahren, als er noch Präfekt der römischen Glaubenskongregation war, ein vom Bayrischen Fernsehen aufgezeichnetes, sehr bemerkenswertes Gespräch mit dem Generalintendanten der Bayrischen Staatstheaters, Prof. August Everding. Darin kommt der Theatermann Everding – wie sollte es anders sein? – auf die Frage nach dem Dialogischen und der Dramatik in der Geschichte des Menschen mit Gott zu sprechen: wie verhält es sich mit dem Abstieg Jesu in die Hölle? Welchen Dialog hat er dort wohl geführt?
Kardinal Ratzinger macht in seiner Antwort eine bemerkenswerte Feststellung: die Weltsicht des modernen Menschen ist eindimensional geworden. Himmel und Hölle bilden nicht mehr das polare Spannungsfeld, in welchem sich das Leben auf dieser Erde abspielt. Die Erde ist eine von allen jenseitigen Welten unberührte Plattform geworden und wird von den modernen Menschen zur einzigen und in sich abgeschlossenen Wirklichkeit erklärt. Das "Große Welttheater", das noch der spanische Dichter Pedro Calderon de la Barca im 17. Jahrhundert in Szene setzte, das in Goethes Faust dramatisch nachklingt, – also das Drama, das sich auf Erden zwischen Himmel und Hölle abspielt – gibt es nicht mehr. Die Welt ist langweilig geworden.
Doch wenn ich das älteste Buch der Menschheit – die Bibel – aufschlage, finde ich dort das große Weltendrama in allen Schattierungen wieder. Die drei Etagen – Erde, Himmel und Hölle – bilden eine spannende Szenerie, in der das gesamte Weltgeschehen wie auf einer großen Bühne erscheint. Es bedurfte eines großen visionären oder gar prophetischen Geistes, um profane Menschheitsgeschichte – ich denke hier an die Geschichte des Volkes Israels von Abraham bis Jesus – als dramatische Heilsgeschichte, also als Geschichte des Menschen mit Gott, zu deuten. Da ist die Rede von Gottes Herrschaft, von seinen Geboten und Ordnungen, aber auch von Bosheit und Sünde, von Liebe und Gnade. Da sieht der Leser den Himmel offen, zugleich schaut er in die lodernden Höllenfeuer der Tiefe. Die Engel verkünden den Sieg Gottes, die Mächte der Finsternis werden in den Abgrund gestoßen.
Wie das im Einzelnen zu deuten ist, sei zunächst einmal dahingestellt. Immerhin wird der Leser der Bibel eingeführt in eine kontrastfarbene Welt voller erregender Ereignisse.
Zum Allerheiligentag bietet uns die gottesdienstliche Lesung einen Einblick in die "obere" Etage des Weltgeschehens. Die Stelle, die ich hier zitieren darf, entstammt dem letzten Buch der Heiligen Schrift, der "Apokalypse", die auch das "Buch der geheimen Offenbarung" genannt wird. In einer grandiosen, zeitlich nicht einzuordnenden Schau sieht der Apostel Johannes den Himmel in gewaltigen Bildern von größter Dramatik. Er schildert dies mit folgenden Worten:
Dann sah ich vom Osten her einen anderen Engel emporsteigen; er hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief den vier Engeln, denen die Macht gegeben war, dem Land und dem Meer Schaden zuzufügen, mit lauter Stimme zu:
Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben.
Und ich erfuhr die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren hundertvierundvierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen:
Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen.
Sie riefen mit lauter Stimme: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm.
Und alle Engel standen rings um den Thron, um die Ältesten und die vier Lebewesen. Sie warfen sich vor dem Thron nieder, beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit. Amen.
Da fragte mich einer der Ältesten: Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen?
Ich erwiderte ihm: Mein Herr, das musst du wissen. Und er sagte zu mir: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht. (Offb.7,2-4,9-14).
Hier ist zuerst von einem Siegel die Rede. Noch heute werden Siegel auf Dokumente gesetzt, um sie zu verschließen und zugleich ihre Authentizität zu bestätigen. Was versiegelt ist, kann und darf nicht jedermann lesen. Das "Buch mit sieben Siegeln", - dieses Bild stammt aus der eben zitierten Apokalypse des Johannes -, ist bei uns sprichwörtlich geworden für eine Wahrheit, die nicht enträtselt werden kann, - manchmal auch für einen verschlossenen Menschen, der sein Geheimnis nicht preisgeben will: er ist in Person ein Buch mit sieben Siegeln. Hier in der Apokalypse sind mit dem Bild des Siegels die geheimen Ratschlüsse Gottes gemeint, die kein Mensch mit seinem Verstand erforschen kann, die allein Christus kennt, und die ER den Menschen offenbaren will.
Während das vorausgehende Kapitel (Offb.6) beschreibt, wie Tod und Verderben die Welt heimsuchen, Kriege und Naturkatastrophen die Erde verwüsten und die Menschen in Angst vergehen, - herrscht zur gleichen Zeit auf der "oberen Etage", die hier geschildert wird, himmlischer Friede. Da stehen Tausende und Abertausende, Engel und Menschen, vor dem Throne Gottes und preisen IHN mit Hymnen. Sie tragen strahlend weiße Gewänder, in ihren Händen halten sie Palmzweige als Zeichen des Sieges und des Triumphes über das Böse. Sie kommen aus der großen Bedrängnis. Gemeint ist das irdische Leben, das gerade für diejenigen Verfolgungen und Widerstände bereithält, die sich klar auf die Seite Gottes stellen, die eintreten für Recht und Gerechtigkeit, die sich einsetzen für Wahrheit und Liebe. Alle Menschen, die auf der Erde verachtet und belächelt wurden, stehen jetzt als strahlende Sieger da.
In dem Buch der Weisheit, das etwa fünfzig Jahre vor Christus entstand, liest sich das so:
Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand, und keine Qual kann sie berühren. In den Augen der Toren sind sie gestorben, ihr Heimgang gilt als Unglück, ihr Scheiden von uns als Vernichtung; sie aber sind in Frieden. In den Augen der Menschen wurden sie gestraft; doch ihre Hoffnung ist voll Unsterblichkeit. Ein wenig nur werden sie gezüchtigt; doch sie empfangen große Wohltat. Denn Gott hat sie geprüft und fand sie seiner würdig. (Weish.3,1-5).
Auch in den Augen der modernen Menschen gelten Krankheit, Verfolgung und Tod als Strafe, Vernichtung und Unglück, in Wahrheit führen sie zu Frieden, Ruhm und Unsterblichkeit. Das ist eine völlig andere Botschaft, - oder sagen wir besser: die Kunde von einer neuen Lebensqualität.
Mir steht das Bild eines Teppichs vor Augen, dessen Rückseite ein bunt gemischter Wirrwarr von Fäden ist, ohne Muster und Schönheit. Niemand würde sich einen solchen Teppich so in die Wohnung legen, - bis vielleicht jemand kommt und sagt: "Freund, Du musst den Teppich umdrehen, - erst dann kommt seine kunstvolle Schönheit in all ihren Mustern und Farben zur vollen Wirkung.
Mir scheint, dass heute viele Menschen ihr diesseitiges, verworrenes Leben für die Vorderseite des Teppichs halten und darum schlicht verzweifeln möchten. Sie können die vielen Ungereimtheiten nicht verstehen; alles geht ihnen gegen den Strich …Bis jemand kommt und sagt: "Freund, Du musst die andere Seite betrachten…! Das Umdrehen Deines Lebens-Teppichs führt zur wahren Schau wunderbarer Fügungen und Zusammenhänge." Das griechische Wort für "Umdrehen" oder "Wenden" heißt "katastroph´ä", also "Katastrophe". Unter diesem Aspekt liest sich der Text aus dem Buch der Weisheit ganz anders, - etwa so: "Was andere als Katastrophe betrachten, ist in Wirklichkeit eine Wohltat, es beschert dem Menschen Frieden und Unsterblichkeit."
Ich erinnere mich an einen Mann, dem ich vor Jahren in der damaligen DDR begegnet bin. Dieser war gläubiger Christ und strotzte von einem ansteckenden Optimismus. Wenn seine eher skeptischen Landleuten ihn fragten: "Warum nimmst du die katastrophale Situation und die Schicksalsschläge deines Lebens so wenig tragisch?", dann gab er zur Antwort: "Wenn ich das Leben nicht mehr aushalte, wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann mache ich es so, wie ich es in meiner Kindheit beim Lesen eines spannenden Buches gemacht habe, - ich blättere erst einmal hinten und lese die letzten Seiten. Und wenn ich dann finde, dass alles gut ausgeht, dann kann ich das aufregende Buch beruhigt vorne weiterlesen. Also schlage ich auch in schweren Stunden die letzten Seiten der Bibel auf und finde dort ebenfalls: Es geht alles gut aus! Seitdem kann mich kein Unglück mehr erschüttern."
Kommen wir wieder zurück zu den drei Etagen. Der Mensch hat die wunderbare Möglichkeit, mit seinem sterblichen Körper auf der Erde zu leben und zugleich mit seiner unsterblichen Seele im Himmel zu wohnen. Während ihn hier noch die Krankheit plagt, hat er dort schon seinen Frieden. Ich bin oft solchen Menschen begegnet, die in ihrem Leben nicht wenig gelitten haben, aber nie aus der Fassung gerieten. Eine schwer depressive Frau sagte einmal zu mir: "Sie können sich gar nicht vorstellen, Herr Pfarrer, welch eine Freude ich in der Tiefe meiner Seele verspüre. Ich könnte manchmal den Menschen auf der Straße um den Hals fallen, obwohl die Oberfläche meiner Seele in Dunkelheit gehüllt bleibt."
Das Fest Allerheiligen nimmt das Schicksal der großen Schar in den Blick, die niemand zählen kann. Zu ihnen zählt die Bibel solche, die auf Erden blutbefleckte Kleider trugen, im Himmel aber mit strahlend weißen Gewändern vor Gott stehen. Das sind nicht nur die von der Kirche offiziell bestätigten Heiligen und Märtyrer, deren Bilder wir verehren, - die uns oft so unerreichbar vorkommen. Nein, es sind die einfachen Menschen, die auf Gott vertraut haben, die sich in der Hoffnung nicht beirren ließen, - auch Sünder, die das "Blut des Lammes" – die erlösende Liebe Christi – rein gewaschen hat von allen Makeln. Das sind die Eheleute, die sich in Geduld die Treue gehalten haben, obwohl ihre Liebe oft angefochten war. Das sind die Eltern, die ihr Herzblut für ihre auf Abwege geratenen Kinder gegeben haben, das sind die schlichten Gläubigen, die wegen ihrer Naivität verlacht und verspottet wurden…
Die Worte "Lebensqualität" und "Selbstverwirklichung" werden unter gläubigen Christen ganz anders buchstabiert als in der heutigen Welt. Lebensqualität ist der Friede des Herzens und Selbstverwirklichung ist die Heiligkeit der Person. Ich wünsche allen, die diese Zeilen lesen, dass sie die obere Etage ihres Lebens nie aus dem Blick verlieren und in allen Zweifeln und Leiden Hoffnung schöpfen können. Denn auch wir dürfen zu der großen Gemeinschaft der Heiligen zählen, die über Leiden und Tod erhaben ist.
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