|
Die Taufe Jesu als Quelle des Lebens
Pfarrer Winfried Abel, Fulda
Mit dem Fest der Taufe Jesu, am Sonntag nach dem Fest der Erscheinung des Herrn, geht in der katholischen Kirche die Weihnachtszeit zu Ende. Im Nu sehen wir uns wieder von der kerzenschimmernden Krippenseligkeit in die harte Auseinandersetzung mit der Realität des menschlichen Lebens, in Freude und Leid, versetzt.
Schon oft habe ich mir die Frage gestellt, warum Christus, der menschgewordene Gott, so großzügig mit der Zeit umgegangen ist, die ihm für seine kurze irdische Mission zur Verfügung stand. Nur dreiunddreißig Jahre sind ihm für seine Sendung geblieben. Davon verbringt er 30 Jahre, also ein Elftel seines Lebens, in einem unbedeutenden Dorf in Galiläa, in der Verborgenheit eines alltäglichen Lebens als Zimmermann und Sohn einer irdischen Familie.
Hat er nicht seine Zeit verschwendet, die er doch so notwendig für sein öffentliches Wirken brauchte? Hätte er nicht eiliger ans Werk gehen sollen? Doch, was war eigentlich sein "Wirken", und welchen Auftrag hatte er? - Sollte er nicht ein weltumspannendes Reich, um nicht zu sagen ein Imperium, aufbauen, das zwar nicht von dieser Welt ist, aber doch alle Welten und alle Zeiten umspannen sollte? Hatte er nicht einen kosmopolitischen Auftrag im Gepäck, als er die Bühne dieser Erde betrat?
Zugegeben, seine Lehre ist unendlich wertvoll, aber wichtiger wäre doch eine Struktur, eine funktionierende Organisation, eine stabile Ordnung, die krisenfest die Zeiten überdauern könnte!
Wer kennt nicht diese Forderungen aus der Politik, aus dem gesellschaftlichen Leben und – inzwischen auch – von den innerkirchlichen Debatten? Struktur, Organisation, Demokratie, Reform, das alles erwartet man von der Kirche, zumindest können viele die Kirche nicht anders begreifen.
Doch Jesus hat einen ganz anderen Weg gewählt, nicht nur für sich sondern auch für seine Kirche. Folgender Text aus dem Markusevangelium mag das erläutern:
In jener Zeit trat Johannes in der Wüste auf und verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.
In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden. (Mk.1,7-11).
Johannes der Täufer wird auch der "Vorläufer Jesu" genannt. Dieser Titel ist im Sinne eines Herolds zu verstehen, der in der antiken Welt von Ort zu Ort vorauseilte, um die Ankunft eines Königs oder eines siegreichen Feldherren anzukündigen, und die Bewohner aufforderte, ihn gebührend zu empfangen.
Der Auftrag des Johannes war es, den Menschen die Ankunft des Messias anzukündigen, nicht als einen militärischen Sieger oder einen irdischen Machthaber, sondern als den erbarmenden und heilenden Gott, als den "Heiland", dem allein die Macht gegeben ist, die Menschheit von dem Krebsleiden der Sünde zu befreien. Darum hatte der Rufer in der Wüste den Auftrag, den seelischen Zustand der Herbeigelaufenen zu diagnostizieren, ihnen bewusst zu machen, wie weit sie vom Weg des Lebens abgewichen sind; wie verlogen ihre Frömmigkeit war, wie krank ihre Seele, wie geknechtet von Schuld und wie entstellt ihr inneres Wesen, das eigentlich ein Spiegel der Schönheit Gottes sein sollte.
Um diesen Zustand zu heilen, sollte der kommen, der nicht nur mit Wasser taufte, sondern der die Vollmacht hatte, mit dem Heiligen Geist zu taufen.
Wie ist das zu verstehen?
Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes "Taufe" – griechisch "baptismós" – ist ja "Eintauchen" oder "Untertauchen". Man stelle sich einen Menschen vor, der von einer Flutwelle verschlungen wird, der untertaucht und ertrinkt. Wasser ist ja nicht nur ein Element des Lebens, sondern auch des Todes. Das wissen inzwischen alle, die sich des verheerenden Tsunamis erinnern, der im vergangenen Jahr das japanische Volk heimgesucht hat.
Wenn Jesus sich von Johannes im Jordan taufen lässt, dann reiht er sich ein in die Schar der Sünder, die öffentlich ihre Schuld bekennen und sich als Zeichen ihrer reuigen Gesinnung von Johannes in die Fluten des Jordan eintauchen lassen; ein Vorgang, den man als einen Akt der Solidarität Gottes mit den erlösungsbedürftigen Menschen deuten kann: Jesus teilt das Los der Sünder.
Anderseits vollzieht Jesus damit eine symbolische Handlung. Mit seiner Taufe will er den tieferen Sinn seiner Sendung erklären, - als wolle ER sagen: "Meine Menschwerdung ist insgesamt eine Taufe, ein wahres Eintauchen und Untertauchen in den Tod! Meine Geburt in Bethlehem ist ein mutiger Sprung in die Menschheit hinein, die mir durch ihr sündiges Wesen zu einem tödlichen Element geworden ist, an dem ich – im wahrsten Sinn des Wortes! – "zu-grunde" gehen werde. Doch dieses Sterben wird keine Vernichtung sein, sondern es wird in mir die Lebenskeime freisetzen, die diese todgeweihte Menschheit braucht, um wieder aus der Dunkelheit der Sünde zum Licht des Lebens zu kommen."
Auch ein Weizenkorn wird "hinein-getauft" in die Erde, um zu sterben; doch sein Tod ist keine Vernichtung, sondern eine Verwandlung, und diese bewirkt neues Leben und hundertfältige Frucht.
"Taufe" ist also nicht nur "sterben", sondern auch "auferstehen" und "leben".
Vielleicht wird am Bild der Taufe deutlich, dass Jesus auf dieser Erde nicht eine Organisation aufbauen, sondern einen Organismus ins Leben rufen wollte, einen lebendigen Leib, in dem alle Glieder mit ihren unterschiedlichsten Ausprägungen zu einer Einheit zusammengefügt werden – durch Seinen Geist, der Leben spendet und Einheit schafft.
Sein Ein- und Untertauchen geschieht zunächst in das scheinbar belanglose alltägliche Leben hinein, in eine Familie, in die tägliche Arbeit, in den Kampf um das tägliche Brot, aber auch in ein gottesfürchtiges Leben.
Während der heutige Mensch seine Lebensqualität in der beruflichen Karriere, im materiellen Wohlstand oder in einer machtausübenden Position sucht, hat Jesus den Weg des unscheinbaren und unspektakulären Lebens gewählt. Auch dafür hat er ein Bild: die kleine Handvoll Sauerteig, die den ungesäuerten Teig durchsäuert, die kleine Prise Salz, die sich zur Unsichtbarkeit auflöst, um im Ganzen gegenwärtig zu sein und ihm die Würze zu geben.
Die dreißig Jahre in Nazareth, die der Taufe im Jordan vorausgehen, bilden einen wesentlichen Teil seines Erlösungswerkes. Sie sind ein Stück "Menschheitstaufe", die sich noch einmal zeichenhaft im Jordan vollzieht. Zugleich tragen sie für uns Menschen Vorbildcharakter: die Treue im Kleinen, die verborgene Pflichterfüllung, das Aushalten in der Verantwortung, die unscheinbare Liebesgeste, das stille Gebet… – all das ist in den Augen Gottes unendlich wertvoll und für das Heil der Menschen unentbehrlich.
Wenn ich nun noch die christliche Taufe bedenke, wie sie in der katholischen Kirche den Säuglingen, in den evangelischen Freikirchen den persönlich Glaubenden gespendet wird, dann muss ich erstaunt feststellen, dass diese Taufe nicht so "risikobehaftet" ist wie die Taufe Jesu. Denn Jesu Taufe war ein Eintauchen von der Gottheit in die Menschheit, vom Leben in den Tod, ja bis in die äußerste Gottferne. Am Kreuz findet diese Taufe ihren Tiefpunkt. Deshalb formuliert das christliche Glaubensbekenntnis: ER ist "hinabgestiegen in das Reich des Todes", bis in die Hölle.
Die sakramentale Taufe der Christen ist dagegen ein Eintauchen vom Tod in das volle Leben, von der Menschheit in die Gottheit, von der tiefsten Tiefe in die höchste Höhe. Damit ist das Wasser der Taufe endgültig ein Symbol des Lebens geworden, und die Menschheit kann aufatmen, denn Jesu Geburt in Bethlehem ist für alle die Geburtsstunde des ewigen Lebens geworden. "Welt ging verloren, Christ ist geboren…" so haben wir in den weihnachtlichen Tagen gesungen.
Und Gott sagt zu einem jeden Getauften: "Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden."
|