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Maria und eine humane Gesellschaft PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Pfr. Winfried Abel   
Sonntag, 4. Oktober 2009

 

"Maria, Leitstern auf unserem Weg zu einer humanen Gesellschaft"
(Kongress "Freude am Glauben" 12.9.2009)
Pfarrer Winfried Abel

 

Humanität als göttliche Eigenschaft

Am 8. September dieses Jahres hielt Bundespräsident Horst Köhler eine Rede zur Einweihung des Ehrenmals für die gefallenen Soldaten im Berliner Bendlerblock. Unter anderem sagte er: "Unsere Gesellschaft tut sich schwer mit dem Gedanken an den Tod. Sie tut sich auch schwer mit Begriffen wie 'Dienen' und 'Hingabe'. Sie tut sich schwer mit der Vorstellung, Opfer zu bringen…Wir können uns die Welt nicht aussuchen, in der wir leben. Aber wir können versuchen, sie besser zu machen."

Der Präsident war sich sicherlich nicht bewusst, dass die katholische Kirche an diesem Tag das Fest der Geburt der Gottesmutter feierte. Im Kontext dieses Marienfestes erhielten seine Worte ein besonderes Gewicht. Denn er hat in seiner Rede sowohl die marianische Struktur der Kirche wie auch der ganzen Gesellschaft angesprochen.

Die Welt braucht ein menschliches Gesicht, - und der Mensch eine humane Welt, die er selbst gestalten darf und muss.
Nun haben aber ausgerechnet die Atheisten den Begriff "Humanität" auf ihre eigenen Fahnen geschrieben haben. Die Giordano Bruno Stiftung z.B. verkündet einen "evolutionären Humanismus", das heißt eine Welt nach menschlichen Maßstäben, ohne Gott, - ja bei Schmidt-Salomon, dem Vorsitzenden der Gesellschaft, muss man hinzufügen: gegen Gott.

Doch hier liegt ein großer Irrtum vor. Denn der Mensch lässt sich ohne Gott nicht definieren. Das Menschliche - das "Humanum" – ist ohne das Göttliche – das "Divinum" – überhaupt nicht denkbar. Das gilt sowohl vom Ursprung des Menschen – er ist Geschöpf und Ebenbild Gottes –, wie auch von seiner Existenz – alle Wesen gehen beständig aus Gott hervor –, wie auch von seiner Zukunft: der Mensch ist nicht Mensch, er wird Mensch, - dieser Prozess verwirklicht sich ausschließlich in der gelebten Beziehung zu Gott. Mensch-Sein ist immer auch eine beständige Mensch-Werdung.

Während meiner Kasseler Gefängnis-Zeit wurde der altgediente Gefängnisseelsorger von Butzbach feierlich verabschiedet. Ich sehe den greisen Pfarrer Alois Degen, der 40 Jahre lang den Gefangenen ein Freund und Helfer war, noch vor meinem geistigen Auge, wie er in seiner letzten Predigt vor der Gefängnisleitung, den Vertretern des Justizministeriums und den Gefangenen den österreichischen Dichter Franz Grillparzer zitierte: "Humanität ohne Divinität führt zur Bestialität." Diese Worte haben sich mir damals ganz tief eingeprägt. Sie deuten mir die Entwicklung der heutigen Welt, die sich wohl noch human nennt, aber Gott aus weiten Teilen ihres gesellschaftlichen Lebens ausgeblendet hat. Eine solche Entwicklung führt konsequent in die Unmenschlichkeit.

Würde sich der Mensch nur aus dem Zufall erklären ("Zufall" – was ist das?), dann dürfte keine Lebensphilosophie und kein Lebensentwurf als unzulässig oder gar abartig erklärt werden. Selbst der größte Verbrecher könnte sich auf seine eigene Werteordnung berufen. Eine Abartigkeit kann es wohl nicht geben, wo es keine "Artigkeit" gibt. Doch wo es eine Art gibt, da gibt es auch artgemäßes – also "artiges" – Verhalten, eben nach dem Muster des Schöpfers, der allen Menschen ihre Art gab. Das Urbild des Menschen ist Gott selbst, und der Mensch ist sein Abbild. Das ist die Wurzel der wahren Humanität und die Begründung der Würde des Menschen.


Maria steht für einen neuen Anfang

Was ist nun Menschenart? Gibt es überhaupt eine Norm des Menschseins?
Es klingt paradox: In der Wissenschaft ist es so, dass eine Regel oder ein naturwissenschaftliches Gesetz von der Vielzahl der Ereignisse abgeleitet wird, die man experimentell herstellen kann. Je regelmäßiger die Abläufe, desto sicherer die Erkenntnisse über die Gesetzmäßigkeiten der Natur. Hier gilt die Regel: je häufiger, desto sicherer.

Aber beim Menschen ist das genau umgekehrt: die Norm des Humanen, das heißt die Wahrheit über den Menschen, finden wir nicht in der großen Mehrheit der Menschen verwirklicht, sondern in einem einzigen Menschen: Maria. Von ihr darf man sagen: sie stellt in ihrer Person die Norm für die gesamte Menschheit dar.

Lassen Sie mich das an einem Beispiel erläutern: Wenn 80 Prozent der Menschheit unter Karies leidet, ist Karies deswegen nicht die Norm! Würde das dennoch jemand behaupten, würde er sich lächerlich machen. Wenn aber jemand sagt, die Norm des Menschen sei in einem einzigen Menschen verkörpert, der ohne Sünde empfangen wurde, dann erklärt man ihn für verrückt. Die "Karies" der Sünde hat eben alle Menschen befallen: "alle haben gesündigt" (Röm.3,23), - außer Maria.

Um es theologisch zu sagen: der Teufel wusste von Anfang an etwas über die menschliche Genetik, bevor die Forscher des 20. und 21. Jahrhunderts darüber Aussagen machen konnten. Indem er den ersten Menschen verdarb, wollte er das ganze Menschengeschlecht verderben, um so die von Paulus im Kolosserbrief beschriebene Christogenese des Kosmos zu verhindern. Gott aber hat die Genetik des Bösen (Erbsünde) durchbrochen, indem er Maria schuf und mit ihr einen neuen Anfang machte. Maria ist somit das Urbild des neuen und ursprünglichen Menschen geworden.

Als Jesus einmal – mit Hinweis auf die gängige Praxis der Juden ("Mose hat es erlaubt") – gefragt wurde, ob man seine Frau aus der Ehe entlassen dürfe, berief er sich in seiner Antwort auf den "Ursprung": "Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang (im Ursprung) aber war es nicht so!" (Mt.19,8).

Von diesem "Ursprung" leitet sich die ganze Moral-Lehre des Christentums ab, - und nicht von der statistischen Vorfindlichkeit des Menschen, wie sie sich heute in der Gesellschaft bietet. In der Politik erleben wir, dass Moralität abgeleitet wird von der Mehrheit der Meinungen und der zeitgeistigen Strömung, nicht aber von der Norm des Ursprungs. Für diese "Norm des Ursprungs" steht Maria. Mit ihr hat Gott einen neuen Anfang gesetzt. Insofern ist sie die Mutter aller Lebendigen geworden. An ihr können wir uns ausrichten. Durch sie – das bedeutet Mutterschaft – strömt das wahre Leben in uns ein.


Maria - eine Frau mit Karriere

Einen größeren Karrieresprung hat nie eine andere Frau gemacht als sie: eine niedrige Magd wird zur Königin des Himmels und der Erde. Das klingt wie das Märchen von Aschenputtel, das zur Königin wurde.
Für Feministinnen könnte das ein großartiges Thema sein, - wenn da nicht ein Haken wäre: Maria war keine Emanze!

Marias "Karriere" verlief nicht, wie im Märchen von Aschenputtel, von tief unten durch alle gesellschaftlichen Schichten nach hoch oben. Sie war weder machtgeil noch sozialrevolutionär. Sie hat sich nicht von unten nach oben geschafft. Sie besaß, einfach unreflektiert! die Himmelreich-Haltung, die Jesus in den Seligpreisungen der Bergpredigt verkündete: "Selig, die arm sind vor Gott…!"

Genau betrachtet durchlief Maria keine Karriere, sondern es wurde ihr nur bestätigt, dass der Platz, an dem sie stand, genau der war, an dem der Mensch am größten ist, - weil der niedrigste Platz auf der Erde im Himmelreich der höchste ist.
Im Magnifikat ruft Maria staunend aus: "Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen." (Lk.1,52). Sie sieht alle menschlichen Ordnungen auf den Kopf gestellt, so wie Jesus die Umwertung aller Werte verkündet hat: "Da werden die Letzten die Ersten sein." (Mt.19,30).

Jede echte "Karriere" hat das ewige Leben zum Ziel. Am Beispiel Mariens lernen wir, den Weg zum Leben zu finden. Der Tod verliert sein angstmachendes Gesicht und seinen Schrecken. Der ganze Mensch, Leib, Seele und Geist sind für den Himmel geschaffen.
Tod bedeutet nicht Ende, sondern vorläufiger Abschluss eines Prozesses, der seit der Geburt "Sterben" heißt, und zum "Transitus", zum Hinübergang, in das endgültige Leben wird.

Von Augustinus lesen wir, dass er seine Mutter Monika bei einer Gelegenheit eine große Philosophin nannte. Auf die erstaunte Erwiderung seiner Mutter "ich bin doch ungelehrt und habe keine höhere Schule besucht" antwortete ihr Sohn: "Du bist die erste Frau, die mir im Leben begegnet ist, die keine Angst vor dem Tod hat. Deshalb bist Du eine wahre Philosophin."
Die wahre Lebensphilosophie kennt den Tod als einen integralen Teil des Lebens und sieht in ihm keine zerstörende sondern eine verwandelnde Kraft. Genau das war die Lebensphilosophie Marias.
Augustinus hat diese Erkenntnis in seiner "Civitas Dei" so formuliert: Die irdische Stadt baut sich auf durch "die Liebe zu sich selbst bis zur Verachtung Gottes", die himmlische Stadt baut sich auf durch "die Liebe zu Gott bis zur Verachtung seiner selbst." Hier geht es nicht um Schwarz und Weiß, sondern um Wahrheit und Lüge.

P. Tomislav Pervan ofm, ein bekannter Kroatischer Theologe, schreibt zu diesem Thema: "Das Ziel der Geschichte ist nicht Evolution oder Fortschritt, sondern Umkehr… Alle Pseudoreligionen, wie Technik und Wissenschaft haben sich gegen den Menschen gewendet. Deshalb ist es durchwegs falsch, den Menschen als das Wesen des Fortschritts und des Wachstums zu verstehen." Umkehr zu dem Ursprung, zu den Normen, die Gott gesetzt hat, das ist im christlichen Sinne "normal".

Vor wenigen Wochen erklärte mir ein Unternehmer aus Fulda: wir müssen bei allem Fortschrittsglauben klar unterscheiden zwischen "Wachstum" und "Wucherung"! Was im wirtschaftlich-gesellschaftlichen Leben üblicherweise als "Wachstum" bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit Wucherung. Das allgemein heilig-gesprochene Wirtschaftswachstum ist meist nichts anderes als ein Krebsgeschwür, das sich auf Kosten des gesellschaftlichen Ganzen ausweitet. Die Ereignisse der letzten Wochen und Monate ("Wirtschaftskrise") haben uns das erschreckend vor Augen geführt.
Darf ich hier eine kleine Kritik an den Aufruf unserer Bischöfe zur Bundestagswahl anfügen? Das Hirtenwort bezeichnet die Überwindung der Finanz- und Wirtschaftskrise als die "vordringlichste Aufgabe" unserer Gesellschaft. Ist das wirklich die Stimme der Kirche?


Die Verherrlichung des Leibes

Das Dogma von der Aufnahme Mariens in den Himmel, verkündet am 1. November 1950 durch Pius XII., diente vor allem der Verehrung der Gottesmutter. Zugleich enthält es für uns Heutige die prophetische Botschaft von der Verherrlichung des Leibes.

Der Kirche wurde zu allen Zeiten eine gewisse Leibfeindlichkeit unterstellt. Doch schon im Altertum machte sich die Kirche zur Anwältin des Leibes – gegen die Leibvergötzung. Es gibt sicherlich keine Religion, die so sehr um den Leib des Menschen kreist wie das Christentum! Die Hauptfeste Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt und Fronleichnam sind allesamt Feste des Leibes Christi. Schöneres kann man über den menschlichen Leib nicht sagen, als das was über Christus, über seine Menschwerdung, sein Leiden und seine Verherrlichung ausgesagt ist.

Schon die frühe Kirche verteidigte die Inkarnation Christi, seine "Fleischwerdung", gegen den manichäischen Dualismus. Im Zusammenhang mit der vehement geführten Diskussion um die Person Christi wurde man auch auf Maria aufmerksam! Die Kirche erkannte: Maria ist die wahre Mutter Gottes; so hat es das Konzil von Ephesus 431 feierlich definiert. Sie hat Gott wirklich einen Leib gegeben und ihre Leibsubstanz in ihren Sohn hinein verschenkt. Der menschliche Leib ist gut, weil auch Christus sich nicht scheute, einen sterblichen Leib anzunehmen.

Insofern ist es merkwürdig, dass man heute gegen das Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel Einspruch erhebt. Wird hier nicht eine Schizophrenie offenbar? Ausgerechnet die leib-vergötzende Zeit protestiert dagegen, dass über den menschlichen Leib Größtes und Herrlichstes ausgesagt wird! Die Kirche meint natürlich nicht den Leib an sich, sondern den durchseelten Leib, der ein Tempel des Heiligen Geistes ist!
Genau das macht die Schönheit des Menschen aus. Denn alle Schönheit strahlt von innen! Walter von der Vogelweide, ein Zeitgenosse der hl. Elisabeth von Thüringen, hatte vielleicht die Landgräfin vor Augen, als er sagte: "Liebe macht die Frauen schön, - solches kann leibliche Schönheit nicht bewirken, sie macht nimmer liebenswert."

Die moderne Religion heißt "Gesundheitskult". Die Leibvergötzung heute unterscheidet sich meilenweit von der Hochachtung, die das Christentum dem menschlichen Körper bezeugt. Ich brauch nur das Stichwort "Wellnesskultur" zu nennen.

Die Sexualkunde in der Schule – gelenkt durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung – erklärt den Menschen und seine Geschlechtlichkeit nur vom Körper und seinen Trieben her. An der ersten Stelle der Werteskala steht nicht mehr Liebe und Verantwortung, sondern allein die Lust.
Unsere Gesellschaft hat dieses Prinzip so sehr verinnerlicht, dass sie die Sinnhaftigkeit allen menschlichen Tuns nur noch von dem, was Lust macht, ableitet. Pflicht und Verantwortung ist der jungen Generation nicht mehr zu vermitteln.

Dagegen steht die Kirche als Anwältin des Leibes auf. Wenn mich jemand fragt: "Herr Pfarrer, warum verbietet die Kirche Homosexualität, Abtreibung und den Gebrauch von Drogen?", dann pflege ich zu sagen: "Frage nicht die Kirche, sondern frage zuerst deinen Leib! Der gibt dir die Antwort! Denn wenn Du gegen die Gebote Gottes handelst, wirst du seelisch oder körperlich krank." – Solange also die Kirche die Ordnungen Gottes verkündet, tritt sie vor den Menschen für die Menschen ein!

Die Mutterschaft

Noch etwas Wichtiges können wir von Maria für eine künftige humane Gesellschaft lernen: die "Mutterschaft", - ein Wort, das man heute nicht mehr gerne hört. Aber dieses Wort umschreibt genau die einzige und alleinige Berufung des Mädchens von Nazaret. Maria hätte nicht einmal "Hausfrau" als Beruf angeben können. Sie war einfach Mutter. In dieses Wort ist ihre ganze Sendung zusammengefasst.

Das 12. Kapitel der Offenbarung des Johannes schildert folgende kosmische Vision: Am Himmel erscheint eine Frau, mit der Sonne bekleidet, den Mond zu ihren Füßen, einen Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Die Frau schreit in den Wehen einer Gebärenden. Doch da ist zugleich der feuerrote Drache, der darauf lauert, die Frucht ihres Leibes zu verschlingen. Was bedeutet das anderes, als dass die "alte Schlange" versucht die Mutterschaft zu vereiteln? Der Satan weiß: wenn mir das gelingt, dann habe ich die Menschheit verdorben.

Die vielen abgetriebenen Kinder heute sind kein Betriebsunfall oder eine zu vernachlässigende Nebenerscheinung unserer Zivilisation, sondern der apokalyptische Indikator dafür, dass der feuerrote Drache heute voll am Werk ist! Er will die Fruchtbarkeit des Menschen zerstören.
Es geht, damit ich richtig verstanden werde, nicht darum, wahllos Kinder in die Welt zu setzen, es geht vielmehr um die "Spiritualität der Mutterschaft", die das wahre Prinzip der Fruchtbarkeit ist, - und diese wiederum nicht im Sinne eines Fruchtbarkeitskults wie in der Antike und in der Zeit des Nationalsozialismus, sondern im Sinne einer geistig-geistlichen Fruchtbarkeit!

Ich erinnere hier an eine Begebenheit in den Evangelien. Lukas schildert. wie Jesus zu einer großen Menge spricht. Die Zuhörer sind von seinen Worten tief beeindruckt. Da ruft aus der Menge eine Frau, inspiriert von weiblicher Intuition: "Selig der Leib, der dich getragen und die Brust, die dich genährt hat." Sie will damit sagen: ein solcher Mensch wie Du muss eine wunderbare Mutter haben. Jesus antwortet sehr liebevoll, indem er das Wort nicht zurückweist, sondern auf eine höhere Ebene stellt: "Selig vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen." (Lk.11,27f). Er will damit sagen: das Geheimnis der mütterlichen Fruchtbarkeit ist nicht, dass der Leib einer Frau gebiert, sondern dass sie ein hörendes und aufnahmebereites Herz hat. Von Maria können wir also lernen, was den vollkommenen Menschen ausmacht. Wer das erkennt, der mag voll Freude mit Elisabeth rufen: "Selig, die du geglaubt hast!"

Papst Johannes Paul II hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die Frau aus der Menge das Magnificat der Jahrhunderte eröffnet hat: "Selig werden mich preisen alle Geschlechter."

Als Maria auf dem Konzil von Ephesus (431) als "Gottesgebärerin" proklamiert wurde, war den Konzilsvätern klar, dass "Mutterschaft" nicht gleichzusetzen ist mit "Ursprung".
Den hl. Pfarrer von Ars bat einmal eine reliquiensüchtige Frau um ein Autogramm. Sie hielt ihm ein Andachtsbild der Gottesmutter entgegen, das er signieren sollte. Auf dem Bildchen standen die Worte: "Maria, Quelle der Gnaden, bitte für uns!": Der kluge Pfarrer strich mit einem Federstrich das Wort "Quelle" durch und schrieb an seine Stelle "Kanal". Gottesmutterschaft bedeutet also: Maria ist nicht "Ursprung" des göttlichen Sohnes – das ist der himmlische Vater – sondern das offene Tor, durch das die Fülle der Gnade vom Himmel her zur Erde fließen konnte.

Die Mutterschaft geht somit der Erlösung, dem hohepriesterlichen Wirken Jesu, voraus. Ja, man darf sagen, geistliche Mutterschaft geht jeglichem Priestertum in der Kirche voraus. Wo keine geistliche Mutterschaft ist, dort gibt es auch keine Priesterberufe mehr.

In seinem Büchlein "Klarstellungen hat Hans Urs von Balthasar 1971 das Dilemma unserer Zeit so beschrieben: "Die nachkonziliare Kirche hat ihre mystischen – wir dürfen übersetzen "mütterlichen" – Züge weitgehend eingebüßt, sie ist eine Kirche der permanenten Gespräche, Organisationen, Beiräte, Kongresse, Synoden, Kommissionen, Akademien, Parteien, Pressionsgruppen, Funktionen, Strukturen und Umstrukturieren, soziologischen Experimenten, Statistiken: mehr als je eine Männerkirche."

Die Zukunft einer humanen Gesellschaft hängt davon ab, dass wir – auch in der Kirche! –Mütterlichkeit und Mutterschaft als eine humane Spiritualiät neu entdecken. Ich bin sicher: wenn die Priester ihr Amt in dem Sinne verwirklichen würden, wie es der Bundespräsident erklärte, also als Dienstbereitschaft und Hingabe, dann würden die Feministinnen nicht so begehrlich sein, dieses Amt zu übernehmen.

Ich erinnere mich an Gertrud von Le Fort, die in ihrem Buch "Die ewige Frau" dem Gedanken nachgeht, warum es in der Vergangenheit ausschließlich Männer das kulturelle Leben in Europa getragen haben: Dante, Leonardo da Vinci, Michelangelo, Goethe, Beethoven und Mozart…usw. Sind Frauen also weniger intelligent oder kreativ als die Männer? Die Dichterin kommt bei ihren Überlegungen zu einer bemerkenswerten Erkenntnis: Dem Mann ist es eigen, seine Begabungen und Potenzen zu aktualisieren. Frauen sind nicht weniger begabt als Männer. Doch ihre Aufgabe ist es, ihre Potenzen weiterzugeben an die folgende Generation.

Wer sich selbst ins Spiel bringen will und sich in Pose setzt, ist für eine humane Welt nicht tauglich. Das bedeutendste Wort, das je in der Welt gesprochen wurde, heißt: "Ich bin eine Sklavin des Herrn." – Maria tat diesen Ausspruch. Das klingt ganz anders als etwa das anmaßende Wort "Der Staat bin ich!" Maria hat, indem sie sich gänzlich zurücknahm, den Weg frei gemacht für die kommenden Generationen, - damit wir heute hier in Aschaffenburg zusammenkommen und uns an den wunderbaren Wahrheiten erfreuen können. Wenn Frauen sich als Männer gebärden und meinen, darin die wahre Emanzipation zu finden, dann haben sie ihr frauliches Wesen völlig missverstanden.

Heute Morgen verfolgte ich aufmerksam die Podiumsdiskussion über "Muslime und Christen". Dabei ist mir klar geworden, dass wir den Muslimen gegenüber kein Argument haben, wenn wir ihrer Religion ein säkularisiertes und aufgeklärtes Christentum entgegenhalten und ihren burka-tragenden Frauen Alice Schwarzers EMMA zu lesen geben!
Wohl hätten die Muslime Respekt vor der christlichen Frau, die sich nicht prostituiert, die ihre volle Würde bewahrt und in dieser Haltung gesellschaftliche Anerkennung fände. Die moderne Frau könnte an allen Fronten stehen – sie müsste nur ihre Fraulichkeit bewahren!

Kürzlich hat eine namhafte evangelische Theologin auf einem Frauentag in Fulda ihre Zuhörerinnen dazu aufgerufen, "Mut zur Macht" zu haben. Auf mich wirkt eine derartige Inszenierung grotesk! Denn die Biographie dieser Frau, wie vieler anderer Frauen im öffentlichen Leben, deren Ehen gescheitert sind, widerlegt ihre eigene Ideologie!

Maria war kein "Machtmensch", - und doch war sie auf die größtmögliche kreatürliche Weise vollmächtig. - Die Hebelwirkung eines Gelenks kommt immer von dem muskel-tragenden Knochen. Dieser verdankt allein der Gelenkpfanne, dass seine Kraft sich entfalten kann. Maria war eben diese "leere Schale" vor Gott. "Siehe, ich bin eine Sklavin des Herrn!" Dies war das vollmächtigste Wort, das je ein Mensch gesprochen hat, vollmächtiger sogar als das Wort des Priesters am Altar. Denn der Priester kann nur aus göttlicher Vollmacht handeln, Maria handelt aus menschlicher "Vollmacht" durch ihre dem Herrn dargebotene Armut. So konnte durch sie die ganze göttliche Kraft zur Vollendung kommen.

Der heilige Pfarrer von Ars, dessen wir in diesem Priesterjahr besonders gedenken, sagt in einer Predigt: "Das Herz Mariens ist so voll Zärtlichkeit gegen uns, dass die Herzen aller Mütter zusammen dagegen nur ein Stück Eis sind." Das sprach er in eine Zeit hinein, die noch mehr mütterliche Menschen kannte als heute.

"Christus" ist Dogmatik "Maria" ist Meditation, In sie, diese wunderbare Frau, müssen wir uns immer tiefer hinein meditieren.

Den Heiligen werden üblicherweise Patronate zugeordnet: dem hl. Blasius die Blasenkrankheit, dem hl. Valentin die Epilepsie, dem hl. Florian die Feuersbrunst. Sicherlich klingt es naiv, wie solche Patronate zustande gekommen sind. Aber es gibt tatsächlich solche "Aufgabenverteilungen" im Himmel. Patronate sind nichts anderes als die himmlische Fortsetzung einer irdischen Berufung, - auf höherer Ebene, mit größerer Vollmacht. So ist Maria auch im Himmel in vollem Umfang Mutter. Ihre Mutterschaft besteht genau darin, was wahres Menschsein ausmacht: Empfangen und Geben. In dieser bleibenden Haltung begleitet sie die Menschheit und die Kirche bis zum Ende der Zeit.

Jede Gesellschaft kann sich letztlich nur "fraulich" definieren, wie im alten Israel das auserwählte Volk als "Tochter Zion" und die neutestamentliche Kirche als "Braut Christi". Wenn wir Männer uns nicht ebenso verstehen, als Empfangende und Gebende, dann üben wir Missbrauch an der Gnade, die Gott uns gegeben hat.

Mit Maria eine humane Gesellschaft gestalten, bedeutet auch, den Weg der Menschheit als einen Umkehrweg betrachten. Hier kommt mir Bischof Johannes Dyba in den Sinn, der einmal sagte: "Wenn jemand an einem Abgrund steht, dann ist jeder Schritt zurück ein Fortschritt." Umkehrweg, das heißt: Karriere und Familie als "humilitas" verwirklichen. "Humilitas" wird üblicherweise mit "Demut" übersetzt, meint aber ursprünglich die Eigenschaft des Humus, des Ackerbodens, der den kostbaren Samen in sich aufnimmt, ihn bewahrt und fruchtbar werden lässt. Diese mütterliche Haltung ist der Kirche überall dort zu Eigen, wo sie sich ausbreitet und fruchtbar ist und viele Ordens- und Priesterberufe hervorbringt.

Vor wenigen Tagen hat unser Heiliger Vater, Papst Benedikt, bei einer Marienwallfahrt in Apulien gewissermaßen eine Zusammenfassung all dieser Gedanken gegeben, die ich hier zu formulieren suchte:
"Darum erstrahlt über dem Meer des Lebens und der Geschichte Maria als Hoffnungsstern. Sie leuchtet nicht aus sich selbst, sondern sie strahlt das Licht Christi zurück, der am Horizont der Menschheit erschienenen Sonne, so dass wir, wenn wir dem Stern Maria folgen, uns auf der Reise orientieren und, besonders in dunklen und stürmischen Zeiten, den Kurs auf Christus hin beibehalten können."

 

 

 

 

 

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