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Bonifatius lebt (2004) PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Pfr. Winfried Abel   
Donnerstag, 5. Oktober 2006
Beitragsinhalt
Bonifatius lebt (2004)
Seite 2

Festspiel zum 1250. Todestag des Apostels der Deutschen

von Winfried Abel


Wer hätte das gedacht? Die Handlung beginnt mit dem Requiem für eine Maus und endet mit dem Requiem für den großen Märtyrerbischof Bonifatius. Der Scherz als Stilmittel der Verdeutlichung und Verheutigung. Der närrische Etzel, ein Mönch aus dem Kloster Fritzlar, schafft Verwirrung und Klärung zugleich. Unverblümt sagt er die Wahrheit, manchmal überschreitet er dabei die Grenze zur beißenden Ironie ("...Ich nehme mit Pardon die Handvoll Salz zurück und biete höflichst eine kleine Prise an!"). Dennoch enthalten seine Narreteien einen Hauch von Prophetie. Die Wahrheit muss heraus!

Pfr. Winfried Abel als Mönch Etzel

Das Festspiel "Bonifatius lebt" bietet wegen seiner perspektivischen Ausleuchtung eine ungewöhnliche Darstellung des Lebens und Wirkens des Apostels der Deutschen. Die Handlung des Stückes ist angesiedelt in der Zeit der Christianisierung der Germanischen Länder, die nicht ohne turbulente Dramatik war. Schon hatten iroschottische Mönche predigend und taufend die Länder Hessen, Thüringen und Bayern durchzogen. Doch es fehlte die ordnende Hand, die dem aufkeimenden Glauben Halt und Richtung geben konnte. Der angelsächsiche Mönch Winfried, der zum erstenmal im Jahr 716 das europäische Festland betrat, um den Friesen das Evangelium zu verkünden, wurde unversehens zum großen Missionar, Erneuerer und Organisator der deutschen und fränkischen Kirche. Nach ersten Fehlschlägen reiste er nach Rom (718/719), wo ihm Papst Gregor den Namen des römischen Martyrers "Bonifatius" gab. Nun begann der angelsächsische Mönch sein Werk in den deutschen Landen.

Besonders dramatisch gestaltet sich das Leben von Winfried-Bonifatius nach seiner zweiten Romreise, da er, mit päpstlicher Vollmacht ausgestattet, als Legat des Römischen Stuhles das kirchliche Leben des Frankenlandes zu reformieren versucht. Dort trifft er auf bereits bestehende kirchliche Strukturen, die seit der Zeit der römischen Besatzung – fern vom päpstlichen Rom – ihre eigene Entwicklung genommen hatten.

Der fränkische Hausmeier Karl Martell, ein bedeutender Feldherr, ist damals die beherrschende Figur im fränkischen Reich. Die Merowingerkönige finden in Childerich ihren letzten, und zwar äußerst schwachen Vertreter. Karl Martells Sohn Pippin schickt ihn 751 ins Kloster und lässt sich selbst von Bischof Bonifatius in Soissons zum König salben. Das ist der Beginn der karolingischen Dynastie, die sich bald über weite Teile Europas erstrecken wird.

In diese Epoche fällt der Ansturm des Islam auf das fränkische Hoheitsgebiet. Innerhalb kürzester Zeit (es sind nicht einmal hundert Jahre!) hat sich die neue Religion Mohammeds mit Waffengewalt über Nordafrika bis Spanien ihren Weg gebahnt. Bald darauf überwinden die Sarazenen die Pyrenäen und werden zum Schrecken Europas. Karl Martell kann 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers die Araber hinter die Pyrenäen zurückdrängen. Seine verdienten Generäle belohnt er für ihre treuen Dienste z.T. mit prominenten Bischofssitzen. Milo, der prunksüchtige und intrigante Erzbischof von Reims wird somit zum Gegenspieler des Missionars und Reformators Bonifatius, der mit allen Mitteln versucht, der fränkischen Kirche wieder würdige Hirten zu geben.

Das ist der Stoff, aus dem Das Spiel "Bonifatius lebt" gemacht ist. Das regeltreue Kloster Fritzlar ist der erste Handlungsort, fernab vom politischen Getriebe des beginnenden 8. Jahrhunderts. Dort hatte Bonifatius einst die Donareiche gefällt und den Grundstein für das Kloster gelegt, dessen erster Vorsteher Abt Wigbert war. Vor den Toren Fritzlars befindet sich die kleine fränkische Festung Büraburg, wo bereits iroschottische Mönche ein kleines Kloster mit einer Kirche der heiligen Brigida von Kildare geweiht hatten. Diese befestigte Siedlung scheint dem Missionar Bonifatius für die Errichtung eines Bischofssitzes geeignet zu sein. Denn Fritzlar und Büraburg liegen im unmittelbaren Grenzbereich des Sachsenlandes, für die Missionierung der Sachsen offenbar besonders geeignet. Bischof Witta ist der erste und letzte Bischof von Büraburg. Die kriegerischen Sachsen vertreiben nämlich schon bald die kleine Mönchsgemeinde, die Kirche wird zerstört, der Bischofsitz aufgegeben.

 

In Reims, dem zweiten Handlungsort des Stückes, hat inzwischen der alte Haudegen Milo das ihm von Karl Martell verliehene Bistum übernommen. Nicht Seeleneifer sondern Jagdleidenschaft und Trunksucht beherrschen diesen grobschlächtigen Mann, der als Erzbischof mit Frau und Kind in seinem Palast wohnt und sich seines üppigen Lebens erfreut... - bis Bonifatius auf den Plan tritt. In diesem unerschrockenen Missionar findet der genusssüchtige Erzbischof nicht nur seinen Erzfeind, sondern auch die große Herausforderung seines Lebens. Priesterehe, Simonie und weltliche Investitur machen Milo keine Gewissensbisse. Er beruft sich auf die fränkische Tradition, das Eigenkirchenwesen und alte Privilegien... Bonifatius setzt zwar den machtbesessenen Erzbischof ab und erteilt dem frommen Priester Abel die Bischofsweihe, vermag es aber nicht zu erreichen, Milo zum freiwilligen Rücktritt zu bewegen...

Da schlägt das Schicksal unbarmherzig zu und macht aus dem unbekehrbaren Milo einen zerknirschten Büßer. Das Wunder seiner Bekehrung hat Bonifatius auf erstaunliche Weise bewirkt. Wie Jesus in seiner Todesstunde den römischen Hauptmann zum Glauben brachte, so vermag auch der 80-jährige Bonifatius den harten Milo letztendlich in die Knie zu zwingen...

Es kommt also zu einem versöhnlichen Ende, das allen Beteiligten greifbar vor Augen führt, dass der ermordete Bonifatius nicht tot ist sondern wirklich lebt.Milo verliert auf tragische Weise Frau und Kind und wird von dem aufgehetzten Pöbel zur Stadt hinaus gejagt. Im Kloster Tholey bei Trier findet er nicht nur Unterschlupf sondern auch den Ort seiner Bekehrung. Zu eben der Stunde, in der Bonifatius in Friesland sein Leben lässt, spricht der Cruzifixus zu ihm im Kreuzgang des Klosters die tiefgründigen Worte: "Siehst Du mein rotes Blut? Heute gibt mein treuer Knecht sein Leben – auch für Dich! – Mein Blut, – für Dich vergossen!" – Damit wird auf dramatische Weise deutlich, wie sehr das Martyrium des hl. Bonifatius die Christianisierung in unserem Land befruchtet hat – weit über seinen Tod hinaus. Mit diesem Gedanken, der den Schluss des Stückes ganz beherrscht, kommt ein wenig "Mystik" ins Spiel. Das rätselhafte Wort aus der Offenbarung des Johannes – im Blick auf die Märtyrer der Kirche gesprochen – findet hier seine Deutung: "Sie haben ihn (den Widersacher Gottes) besiegt durch das Blut des Lammes und durch ihr Wort und Zeugnis; sie hielten ihr Leben nicht fest, bis hinein in den Tod…" (Offb.12,11).

Das Festspiel "Bonifatius lebt" bietet neben der wertvollen Aufhellung geschichtlicher Zusammenhänge genügend mitreißende Spannung und befreienden Humor. Die Geschichte der Klostergründung Fuldas wird dabei ebenso gegenwärtig wie der gewaltsame Tod des Apostels der Deutschen mit seinen 52 Gefährten. Dichterische Freiheit und historische Wahrheit sind in diesem Stück auf geschickte Weise miteinander verwoben.

Für mich bedeutete das Schreiben dieses Stückes eine fast nicht zu bewältigende Herausforderung. Wie sollte ich den großen Bischof Bonifatius darstellen? Würde ich dabei nicht wieder die längst bekannten Klischees bedienen? Den Gefahren der Trivialisierung konnte ich am Ende nur dadurch entgehen, dass ich die Gestalt des Bonifatius im Hintergrund hielt. In allen Szenen ist er ohne Zweifel die dominierende Figur, - doch tritt er niemals persönlich auf. Dieser Kunstkniff bewirkt einerseits bei den Zuschauern eine große Überraschung, anderseits ist er ein wichtiger Schlüssel für das tiefere Verständnis des Titels dieses Stückes "Bonifatius lebt".

Winfried Abel

 



 

 

 

 

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