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Festspiel zum 975-jährigen Jubiläum von St. Andreas am 4.Aug 1998
"Der Kaiser und der Abt" – ein solcher Titel läßt vermuten, daß der hier dargebotene Text den Streit um die weltliche und geistliche Herrschaft zum Inhalt hat, der im Hochmittelalter seinen Höhepunkt im sogenannten Investiturstreit fand.
Obwohl dieser zeitgeschichtliche Hintergrund bei dem vorliegenden Stück nicht aus dem Blickpunkt geraten darf, steht im Mittelpunkt nicht das Gerangel um Macht und Kompetenz, sondern die alle historischen Epochen übergreifende Frage nach der geistlichen Erneuerung der Kirche, der "ecclesia semper reformanda", die hier exemplarisch dargestellt wird anhand einer Momentaufnahme aus der Fuldaer Geschichte.
Das eigentliche Drama der Welt- und Heilsgeschichte, auf einen so engen Raum wie Fulda verdichtet und in ein historisches Gewand gekleidet, ist und bleibt die Begegnung zwischen Gott und dem Menschen, zwischen dem Heiligen und dem Sünder.
Das "historische Gewand" ist schnell beschrieben: Es war im Jahr 1020, als Kaiser Heinrich II. mit seiner Gemahlin Kunigunde und Papst Benedikt VIII. dem Kloster Fulda einen Besuch abstatteten.
Der Kaiser, ein entschiedener Verfechter der cluniyazensisch-lothringischen Reform, mag bei dieser Gelegenheit auch das Anliegen der Erneuerung im Blick auf das Kloster Fulda angesprochen haben. Tatsache ist, daß er bereits sieben Jahre zuvor (1013) auf erstaunlich eigenmächtige Weise den Fuldaer Abt Brantho abgesetzt hatte, der mit einer größeren Anzahl von Mönchen das Fuldaer Kloster verließ und nach Halberstadt überwechselte. Der reformfreudige Abt Richard von Amorbach wurde schließlich mit der Durchführung der Klosterreform betraut. Gleichzeitig wurde die Neugründung des St. Andreasklosters auf dem Neuenberg beschlossen, das im Jahre 1023 durch den Mainzer Erzbischof Aribo konsekriert werden konnte und dessen erster Vorsteher (praepositus ~ Propst) der hl. Bardo war.
So weit der historische Bezug. In diesem Stück sind allerdings die Charaktere stark überzeichnet. So entsteht die paradoxe Situation, daß die Rolle von Abt und Kaiser merkwürdig vertauscht sind. Der Kaiser vertritt das geistliche Anliegen des Klosters Fulda, während der Abt als ein skrupelloser Feudalherr in Erscheinung tritt, dem es nur um die irdische Macht geht. Damit sprengt das Spiel den streng historischen Rahmen und zeichnet ein Bild, das teils dem Mittelalter, teils der Neuzeit (Barock) zuzuordnen ist. Bewußt werden Anachronismen als Stilmittel verwendet, um die zeitlose Aussage des Schauspiels deutlicher ins Bild zu bringen. So darf beispielsweise bei den Zuschauern als bekannt vorausgesetzt werden, daß zur Zeit der Klostergründung von St. Andreas das Jagdschloß Biberstein in der Rhön und das Kloster Johannisberg im Rheingau noch nicht existent waren.
Um die Sache auf die Spitze zu treiben, wurde die Rolle des Gottschalk eingeführt. Auch dieser Mann hat seinen eigenen historischen Ort und seinen besonderen Charakter. Gottschalk war in Wahrheit der "Drewermann" des 9. Jahrhunderts (also zur Zeit des Rabanus Maurus), ein intelligenter, dichterisch begabter und aufsässiger Mönch, der durch seine wirre Theologie viel Unruhe stiftete und eines unrühmlichen Todes gestorben ist (868). In diesem Spiel ist er eher der shakespearische Narr, der sich nicht scheut, die unverblümte Wahrheit zu sagen und zugleich seinen prophetischen Blick in die Zukunft zu lenken. Damit bekommt das Spiel noch einmal eine besondere Nuance: auf kontrapunktische Weise stellt es die mittelalterliche Problematik mitten in unsere moderne Zeit hinein, also in die Welt des vereinten Europa, der neuen europäischen Währung und des Kirchenvolksbegehrens. Die bunt-schillernde Gestalt des Gottschalk wird somit zu einer "Klammer" zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Die stille Hauptfigur des Stückes ist unzweifelhaft Magister Bardo, der das Musterbeispiel eines benediktinischen Mönches ist. Ganz der Frömmigkeit seiner Zeit verhaftet, wurzelnd in der großen Vergangenheit des Klosters Fulda und unbestechlich für die Anziehungskraft von Glanz und Macht, ist er dennoch offen für das Neue, das "aggiornamento" (= "Verheutigung") klösterlichen Lebens, das Gott durch ihn bewirken will. Er ist bereit, die Herausforderung von "St. Andreas" anzunehmen. Somit ist er die heimliche Leitfigur des Spiels, die sich nicht mit Brachialgewalt in den Vordergrund schiebt. Bardo verkörpert eher eine geistliche Haltung, von der es im Epilog heißt: "Es ist die Macht der Stillen und der Leisen, die unaufhörlich in die Höhe klimmt".
Schließlich darf eine prosaisch gehaltene Bauernszene auf dem Haimbacher Dorfplatz nicht fehlen. Hier kommt das einfache Volk mit seinen Sorgen und Nöten zur Sprache. Das erklärt den derben fuldischen Ton. Die Szene wird zu einem großen Teil im Dialekt dargeboten und verleiht dem Stück inhaltlich wie formal noch einmal den besonderen Sitz im Leben.
Mein Wunsch ist es, daß "Das kleine Fuldaer Welttheater" dazu beiträgt, daß wir uns der geschichtlichen Wurzeln und der großen religiösen Vergangenheit von Fulda neu bewußt werden, die nicht nur diese Landschaft, sondern vor allem ihre Menschen stark geprägt haben.
Das Kloster Fulda und sein Schicksal ist ein Synonym
für alles, was sich auf der Weltenbühne tut.
Die kranke Welt braucht wieder heiliges Ungestüm, -
dann wird am Ende auch das Allerschlimmste gut.
Fulda, am 4. Februar 1998, dem Fest des hl. Rabanus Maurus
Winfried Abel
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