|
Liebe Gemeinde!
Große Irritationen löste ein am 10. Juli von der römischen Glaubenskongregation veröffentlichtes Schreiben bezüglich der Lehre über die Kirche aus. Grund dafür war unter anderem die darin gemachte Feststellung, dass die aus der Reformation hervorgegangenen kirchlichen Gemeinschaften nicht "Kirchen" im eigentlichen Sinn genannt werden können. –
Ein Tritt ans Schienenbein der evangelischen Christen? Ein schroffer Misston in dem Konzert ökumenischer Bemühungen? Nun, so könnte man das auslegen. In Wirklichkeit geht dieses Dokument grundsätzlich davon aus, dass es nur eine einzige Kirche geben kann, wie es nur einen einzigen Christusleib gibt.
Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat das in seinem berühmten Werk "Sanctorum Communio" folgendermaßen formuliert: "Die Kirche ist nicht eine Religionsgemeinschaft von Christusverehrern, sondern der unter den Menschen Gestalt gewordene Christus. Leib Christi darf die Kirche heißen, weil im Leibe Christi wirklich der Mensch und also alle Menschen angenommen sind....Darum gilt es festzuhalten, dass die Kirche auch nicht eine eigene, selbständige Gestalt neben der Gestalt Jesu Christi ist; dass sie also nie ein eigenes, selbständiges Wesen, Recht, Autorität, Würde für sich beanspruchen kann neben Jesus Christus: die Kirche ist nichts als das Stück der Menschheit, in dem Christus wirklich Gestalt gewonnen hat. "-
Diese Erkenntnis entspricht genau der katholischen Lehre. Es gibt allerdings zwei Probleme.
Ein sprachliches: "Kirche" ist sowohl ein theologischer wie ein gesellschaftspolitischer Begriff. Der einfache Mann auf der Straße kann beide nicht leicht unterscheiden.
Ein theologisches: Die Reformatoren lehnten eine sichtbare Kirche (mit Papst, Bischöfen etc.) ab und lehrten, dass die wahre Kirche Christi die unsichtbare Gemeinschaft der im Glauben ("sola fide") Gerechtfertigten sei.
Die katholische Kirche nennt Christen anderer Konfessionen nicht "Nicht-Christen", sondern erklärt, dass sie alle Teil des einen Christusleibes sind, der in der katholischen Kirche verwirklicht (lat. "subsistit in") ist. Das mag hart klingen. Doch in der Bemühung um Einheit sollte man sich nicht um die Wahrheit herummogeln, sondern sich gegenseitig in aller Liebe und mit großem Respekt die eigene Überzeugung zumuten. –
Ihr Pfarrer
|