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Gemeindebrief 11/09 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Pfr. Winfried Abel   
Freitag, 25. Dezember 2009

Liebe Gemeinde!

Der Kreislauf meines Lebens, der sich wie eine Spirale beständig dem Ziel entgegen bewegt, beschert mir in diesem Jahr das 70. Weihnachtsfest. Mit großer Dankbarkeit schaue ich auf die vergangenen Jahre und Jahrzehnte zurück. Weihnachten habe ich in so vielen Lebensphasen erleben dürfen.

Ich versetze mich geistigerweise an die vielen Orte, an denen ich in meinem Leben Weihnachten gefeiert habe – von meiner Kindheit bis heute. Da sehe ich mich zum Beispiel im Gefängnis von Kassel, wo ich den Gefangenen die Geburt Christi als den Beginn ihrer wahren "Befreiung" verkündete. Später in dem ökumenischen Zentrum Craheim; da gingen beim Christgeburtsspiel ein evangelischer Joseph und eine katholische Maria in ökumenischer Eintracht auf Herbergsuche. Einmal durfte ich sogar in meiner Schweizer Bergklause im tiefen Schnee eine "Einsiedlerweihnacht" feiern.
Und nun, seit zwanzig Jahren begehe ich das Geburtsfest Christi mit Ihnen in Neuenberg und schließlich auch in Giesel.

Die Botschaft hat sich in diesen vielen Jahren nicht verändert, wird nur immer wieder anders wahrgenommen, so wie die Bilder auf diesem Pfarrbrief jährlich dasselbe Geheimnis darstellen und doch von Jahr zu Jahr wechseln.



Heute betrachte ich mit Ihnen umseitige wunderschöne Miniaturmalerei aus einem Mailänder Stundenbuch. Es zeigt die Geburt Christi in einer Erdhöhle. Beim ersten Hinschauen möchte man meinen, das heilige Paar und das Kind samt Ochs und Esel seien von einem gemeinsamen Mutterschoß umfangen. Genau das möchte der Maler zum Ausdruck bringen. Christus hat seinen Leib von dieser Erde genommen wie jeder Mensch und jedes Tier. Ein Wort aus dem Buch Hiob klingt hier an: "Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter; nackt kehre ich dahin zurück. (Hiob1,21). Gemeint ist in beiden Fällen der "Schoß der Erde", der unser wahrer "Mutterstoff" ist (vgl. " materia ~ mater). Das nackte Kind liegt zwischen Ochs und Esel auf Stroh: Die zwei tierischen Assistenzfiguren stehen symbolisch für das Judentum und das Heidentum.

Doch betrachten Sie einmal näher die beiden Gestalten Maria und Joseph. Könnten Sie sich nicht die beiden – nach Geste und Haltung – auch im Tempel von Jerusalem vorstellen, wo sie gerade – nach langer Suche – den 12-jährigen finden?: "Kind, warum hast du uns das angetan?" (Lk.2,48). Maria sieht nicht aus wie eine Mutter, die gerade geboren hat, eher wie eine Frau, die ein Kind findet. Jesus, das "Findelkind" – ein Gedanke, der dem weihnachtlichen Geheimnis durchaus entspricht: "Ihr werdet ein Kind in der Krippe finden..." so der Engel zu den Hirten. "Wenn ihr das Kind gefunden habt, berichtet mir…" so Herodes zu den Drei Weisen aus dem Morgenland. "Suchen und Finden" wäre eine passende Erklärung für unsere christliche Religion.

Schließlich erinnert die Erdhöhle auch an das Grab Jesu in Jerusalem. Hier wird uns ein letzter Hinweis gegeben: "Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?"
Das wahre Leben kann nicht im Erdhaften gefunden und von der Erde festgehalten werden. Darum sind auch wir eingeladen, weiter auf die Suche zu gehen. Augustinus hebt schon warnend den Zeigefinger: "Suche, aber suche nicht dort, wo du suchst!" Also müssen wir unsere Häupter mal erheben. Siehe da: dort schweben rechts oben im Bild die Engel mit einem Spruchband. Sie weisen uns ein in die Sphäre, in die auch Jesus uns entführen will.

Liebe Gemeinde! Ich wünsche Ihnen, dass Sie dieses Weihnachtsfest als ein Fest der tief-innerlichen Freude erleben dürfen, losgelöst von aller Erdenschwere, die Sie noch bedrückt. Mögen Sie den bergenden Schoß der Liebe Gottes, Seine alles umfassende Fürsorge umso tröstlicher erfahren, je mehr sie von Krankheiten, materiellen oder gar familiären Sorgen bedrängt werden.


Frohe Weihnachten! Das wünscht Ihnen in herzlicher Verbundenheit:

Ihr

 

 

 

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