Verkündigung auf vielen Kanälen
Geschrieben von Pfr. Winfried Abel   
Samstag, 29. August 2009

Verkündigung auf allen Kanälen
Winfried Abel


Als ich vor zehn Jahren zum ersten Mal das Heilige Land besuchte, beeindruckten mich vor allem die Landschaften, die noch so ursprünglich schienen wie zur Zeit Jesu. Am See Genesaret zeigte man uns die Stelle, wo Jesus vom Boot aus zu Tausenden gesprochen hat. Als ich diese Stelle sah, wurde mir klar, dass Jesus ganz bewusst dieses Ufer, das einem Amphitheater glich, gewählt hat, um vom Boot aus wie in einen Trichter hinein zu sprechen. So konnte er sich Tausenden leicht vernehmbar machen.

Die ersten Verstärker

Wenn man so will, war das bei der Verkündigung des Evangeliums die erste Technik der Lautverstärkung. In der Antike bedienten sich Feldherren und Politiker zum Zwecke der Tonverstärkung so genannter Herolde. Im Trojanischen Krieg hatten die Griechen einen menschlichen "Lautsprecher" namens Stentor, dessen Stimmgewalt so stark wie die von fünfzig Männern gewesen sein soll.

Die Technik spielte bei der Evangelisation immer eine Rolle. Der heilige Paulus bediente sich der phantastisch ausgebauten Verkehrs-Infrastruktur des Römischen Reiches, um die Botschaft bis an die Grenzen der Welt – vielleicht sogar bis nach Spanien – zu tragen. Seine Briefe wurden abgeschrieben und vervielfältigt, so dass sie noch heute in aller Welt gelesen werden. Im 15. Jahrhundert, also am Vorabend der Reformation, zog der Wanderprediger Johannes Capistrano mit einem Stab von Dolmetschern und Übersetzern durch Europa, verkündete auf hinreißende Weise das Evangelium und bewirkte eine beeindruckende Erneuerung des Glaubens.

Einen weiteren Schub in der Technik der Vervielfältigung brachte die Erfindung der Buchdruckerkunst. Somit waren seit dem 16. Jahrhundert Bücher auch für einfache Leute erschwinglich. Gedruckte Bibeln fand man jetzt nicht nur in Klöstern, sondern auch bei frommen Laien. Das führte zu einer wahren Explosion in der Verbreitung von Lehren und Meinungen. Für die aktuellen Nachrichten bediente man sich zunächst der Flugschriften, seit dem 17. Jahrhundert der Zeitungen.

Das 20. Jahrhundert brachte eine technische Revolution nach der anderen. Wenn man bedenkt, dass es vor neunzig Jahren – das war die Zeit meiner Großeltern – in Deutschland noch keine tausend Rundfunkteilnehmer gab, heute aber mehr Handys verbreitet sind, als Deutschland Einwohner hat, dann kann man den riesigen technischen Schub ermessen, der gerade durch die elektrischen und elektronischen Medien bewirkt wurde. Heute sind wir von Bildern und Texten, von Meinungen und Weltanschauungen derart überflutet, dass wir kaum noch die Möglichkeit der Auswahl, geschweige denn einer echten Meinungsbildung haben.

Technik im Dienst der Verkündigung

Große prophetische Gestalten in der Kirche haben die Bedeutung der Medien rechtzweitig erkannt. Pius XI. gründete 1931 Radio Vatikan, den ersten kirchlichen Radiosender.
Der polnische Franziskaner Maximilian Kolbe baute nach dem Ersten Weltkrieg in Polen ein kirchliches Presse- und Rundfunkimperium auf, das seinesgleichen suchte.
Nach dem Zeiten Weltkrieg zog durch unsere Lande der Massenprediger Johannes Leppich, den man das Maschinengewehr Gottes nannte. Unvergessen seine beißende Kritik, mit der er in den 50-er Jahren auf dem Fuldaer Domplatz die Priester und Laien bedachte, als er unsere Bischofstadt einen "mit Gesangbüchern zugedeckten Misthaufen" nannte. Doch seine Predigten, verbreitet im Rundfunk, durch Schallplatten und Bücher, zeigten ihre Wirkung.
Zur selben Zeit hielt Bischof Fulton Sheen in den USA seine berühmten Fernseh-Katechesen, die den Kneipen einen Riesenzulauf bescherten (die Mehrheit der Privatpersonen besaß damals noch kein Fernsehgerät) und die Straßen leerfegten.

Ich erinnere mich an ein Glaubensseminar, das ich 1986 im ehemaligen Bischöflichen Konvikt – damals Haus Immanuel – hielt. Unter den Zuhörern saßen einige Leute mit Kassettenrekordern auf den Knien, die meine Vorträge aufzeichneten, kopierten und verbreiteten. Die Qualität der Aufnahmen war allerdings so miserabel, dass man mich bat, die Vorträge professioneller aufzunehmen und zu vervielfältigen. Das war vor 23. Jahren der Start für unseren Kassettendienst, der heute mehr als 250 Titel umfasst und einen Umsatz von mehr als 200 000 Kassetten erreichte.
Ein Theologe sagte vor einigen Jahren zu mir, dass in St. Andreas-Fulda wohl die größte Kanzel in Deutschland stehe. Das hat mich damals bestärkt, den Dienst der Evangelisation auf technischem Wege voranzutreiben.

Inzwischen haben sich die Entwicklungen überschlagen. Aus dem Kassettendienst wurden die "St. Andreas Medien". Neuer Tonträger ist heute die Compact-Disc (CD), die allerdings schon bald wieder abgelöst sein wird durch neue Tonträger-Techniken.

Die Hörerschaft aber hat heute neue Wege zur kirchlichen Information gefunden. Seit etwa zwanzig Jahren existiert ein katholischer Rundfunksender – Radio Horeb -, der mit seinen Studios in Balderschwang und München rund um die Uhr kirchliche Sendungen ausstrahlt, die vor allem von älteren Menschen begrüßt werden. Radio Horeb ist so etwas wie ein Rundfunk-Kloster, in das man eintreten kann, um die kirchlichen Gebetszeiten, die tägliche Messe, den Rosenkranz mitzubeten und eine bunte Palette von Glaubensverkündigung zu hören. Viele Menschen haben dort eine geistliche Heimat gefunden.

Kirchliches Fernsehen

Vor sechs Jahren hatte ich Gelegenheit, Birmingham (Alabama) in den USA zu besuchen. Dort befindet sich der größte katholische Fernsehsender der Welt EWTN (Eternal Word Television Network), 1981 gegründet von der Ordensschwester Mother Angelica. Der Sender finanziert sich ausschließlich aus Spenden – ca. 250 000 Dollar pro Tag – und erreicht heute über seine weltweiten Fernsehprogramme mehr als 125 Millionen Haushalte in 127 Ländern. In Birmingham produzierten wir innerhalb von drei Tagen dreizehn Verkündigungssendungen, die in alle Welt ausgestrahlt wurden.

Nach dem Muster von EWTN hat in Österreich Pfarrer Hans Buschor den recht bescheidenen katholischen Fernsehsender K-TV aufgebaut, der sich in bestimmten katholischen Kreisen größter Beliebtheit erfreut. Bezeichnend für die Hörer ist, dass sie die unverfälschte katholische Lehre suchen und dafür auch manche Geschmacklosigkeit in Kauf nehmen.

Bei all den genannten Einrichtungen handelt es sich um private – also keine kirchenamtlichen –  Initiativen. Verkündigung als pluralistisches Unternehmen ist immer zum Scheitern verurteilt. Aus diesem Grund haben wohl auch die deutschen Bischöfe noch keinen kirchlichen Rundfunk- oder Fernsehsender auf die Beine stellen können, obwohl Notwendigkeit und Segen kirchlicher Präsenz in den Medien klar auf der Hand liegen.

Theater – ein uraltes Medium

Eine besondere Form der Verbreitung der Frohen Botschaft gab es schon im Mittelalter, - sozusagen als Ersatz für das Fernsehen: das Mysterienspiel. Daraus entwickelten sich z. B. die Passionsspiele. Auch in unserem Bistum (z.B. Salmünster, Bad Orb) haben sie heute wieder Liebhaber gefunden. Paradeis-, Christgeburts- und Dreikönigsspiele wurden in der Neuzeit wieder entdeckt, auch "Das große Welttheater" von Calderón und das "Jedermann"-Spiel von Hugo von Hofmannsthal gehören zu dieser Kategorie.

Heute evangelisieren viele geistliche Gemeinschaften wieder auf den Straßen unserer Städte durch Pantomimen und Sketche.
In der sog. Gegenreformation entstanden die berühmten Jesuitentheater als drastische Mittel der Verkündigung. Die bunten Aufführungen waren ausgestattet mit Musik, Ballett und Dutzenden von Schauspielern und Statisten, die die Bühne bevölkerten. Die Zuschauer wurden durch barocken Pomp und ein Feuerwerk von Showeffekten in Atem gehalten. Prächtige Bühnenbilder und Requisiten beeindruckten das Volk ebenso wie sämtliche Effekte der damaligen Bühnentechnik: Explosionen, Blitz und Donner, feuerspeiende Drachen, an Leinen herabfliegende Engel und bei infernalischem Lärm von der Erde verschluckte Gespenster. Teilweise wurden die Zuschauer zum Mitspielen animiert und nahmen auf diese Weise emotional an den Freuden und Leiden der Bühnenhelden teil.
Die Aufführungen waren zum Teil von derart beeindruckender Vehemenz, dass von Spontanbekehrungen berichtet wird. So sollen auch anwesende Landesfürsten noch an Ort und Stelle eine Wiederaufnahme in den katholischen Glauben erfleht haben. Die mit drastischen Bühneneffekten dargestellten Höllenqualen haben in ihrer Bildlichkeit offensichtlich eine größere Überzeugungskraft erzielt als argumentative Worte.

Als mich vor zwölf Jahren ein Mitglied unserer Gemeinde bat, ein historisches Spiel zum 975-jährigen Jubiläum von St. Andreas in Fulda zu schreiben, sah ich mich in die Zeit der Jesuitentheater zurückversetzt. Ein bisschen Spektakel muss sein. Also braucht es die kontrapunktische Gegensätzlichkeit von Gut und Böse, - vor allem das närrische Element, das Unterhaltung, Wahrheit und Würze garantiert. So entstand im Laufe von acht Jahren eine Trilogie der Spiele "Bonifatius lebt" (1998.), "Der Kaiser und der Abt" (2004) und "Der Bauer und der Abt" (2006), die viele Aufführungen erlebten und ein Publikumsmagnet wurden.

Der große Missionar Paulus schrieb einmal: "Egal, wie Christus verkündigt wird, die Hauptsache: ER wird verkündigt" (vgl. Phil.1,18). Das schreibt ein leidenschaftlicher Apostel, der noch das Pfingstfeuer in sich trug. Wenn die Kirche heute apostolisch wirken will, dann muss sie aus allen Rohren schießen und auf allen Kanälen verkünden. Denn so schreibt Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika zum dritten Jahrtausend: "Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit." (vgl. Hebr.13,8).