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Am 5. Februar 1939 in Fulda geboren, besuchte Winfried Abel verschiedene Schulen und machte 1958 in Hadamar sein Abitur. Anschließend studierte er in Fulda und St. Louis (USA) Theologie. Nach seiner Priesterweihe am 21. März 1964 war er Kaplan in Somborn und Fulda. Schließlich 13 Jahre lang Gefängnisseelsorger in Kassel. Diese Zeit hat ihn sehr stark geprägt. Von 1983 bis 1986 arbeitete Pfarrer Abel im ökumenischen Lebenszentrum Craheim, danach vier Jahre in einem geistlichen Jugendzentrum in Fulda, bis er am 1. Oktober 1989 die Pfarrei St. Andreas in Fulda anvertraut bekam, wo er noch heute wirkt. Pfarrer Abel ist sehr stark im Verkündigungsdienst der Kirche tätig und unterhält einen "Kassettendienst" (heute St. Andreas Medien) mit einer Fülle geistlicher Vorträge.
Interview mit Pfarrer Abel aus "Die Tagepost"
1. Warum sind Sie Christ?
Die Frage, warum ich Christ bin, kann ich genauso wenig beantworten wie die Frage, warum ich überhaupt lebe. Für mich gehört beides ganz eng zusammen. Der Glaube ist nicht etwas von mir Gewähltes, sondern etwas mir Vorgegebenes. Ich fühle mich als Christ wie ein Fisch im Wasser. Schade, daß so wenige Menschen das Selbstverständlichste nicht wahrnehmen!
2. Welche Ereignisse haben Ihren Glauben geprägt?
Zwei Faktoren haben meinen Glauben wesentlich beeinflußt: einmal das selbstverständliche Glaubensleben in meinem Elternhaus, speziell das Vorbild meiner Mutter, dann - einige Jahre nachmeiner Priesterweihe - das Erlebnis, daß Gott nicht ein Gott der Philosophen sondern ein wirkliches DU, also ein personhafter Gott, ist. Letzteres hat meiner Priesterberufung Halt und Prägung gegeben..
3. Kennen Sie Glaubenszweifel und wie gehen Sie damit um?
Es mag einem kritischen Leser unglaubhaft erscheinen, aber ich habe nie schwere Glaubenszweifel gekannt, selbst nicht in den schwierigsten Situationen meines Lebens. Mein gläubiges Elternhaus vermittelte mir ein großes Urvertrauen, das noch nie erschüttert worden ist. Dennoch gibt es Zweifel, und zwar in bezug auf mich selbst. Ich habe Zweifel an meinen Entscheidungen, an meiner Eignung für bestimmte Aufgaben, an meiner Fähigkeit zum treuen Durchhalten...Dabei weiß ich um so mehr, an wen ich mich zu halten habe.
4. Was bedeutet Beten für Sie?
Beten ist für mich vor allem Stillsein vor Gott. Ich habe IHM gar nicht so viel zu sagen, bin oft auch sprachlos. Deshalb höre ich gerne in die Stille. Mir genügt es meist, mich in SEINER Gegenwart geborgen zu wissen. Sehr gerne bete ich die Psalmen. Sie enthalten alles, was ein Menschenherz bewegen kann.
5. Haben Sie ein spirituelles Vorbild und was beeindruckt Sie an diesem Menschen?
Mich sprechen viele große Glaubensgestalten an: an erster Stelle Franz von Assisi in seiner materiellen und geistigen Armut, und sein "Evangelium" von der Fleischwerdung Gottes, das mein Kirchenbild wesentlich geprägt hat. Franziskus war ein sinnenhafter Mensch, zugleich ein Ästhet. Er hat die greifbare Schönheit Gottes nicht nur in der Schöpfung sondern vor allem in der konkreten – auch sündigen - Kirche bewundert. Er hat eine neue Form von "Pro-test" gefunden in des Wortes ursprünglicher Bedeutung, als positiv gelebtes Zeugnis "für" und nicht "gegen"...
6. Was ist Ihre Lieblingsstelle in der Bibel?
Die schönsten Stellen in der Hl. Schrift – das hängt mit meiner Vergangenheit als Gefängnisseelsorger zusammen - sind für mich die Worte und Bilder von der Barmherzigkeit Gottes. Dazu gehört die Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin (Joh,8,1-11) und mit dem gekreuzigten Verbrecher. Die ganze Heilsgeschichte finde ich am treffendsten eingefangen in der Geschichte vom verlorenen Sohn, die in die wortlose Umarmung des Vaters und das Fest der Versöhnung einmündet.
7. Wer ist Ihr Lieblingstheologe und warum?
Mein Lieblingstheologe ist neben Hans-Urs von Balthasar Henri de Lubac. Dieser bescheidene französische Jesuit hat in unserem Jahrhundert die verschütteten Quellen der Kirchenvätertheologie und der apostolischen Überlieferung wieder freigeschaufelt. Wer seine Bücher liest, bekommt unweigerlich wieder Freude am Katholisch-sein und an der Kirche, zumal wenn man weiß, wie sehr Lubac selbst an der Kirche gelitten hat. Mir war das Studium der Theologie immer zu abstrakt und ermüdend. Lubac hat mich zum Jubeln angeregt.
8. Welche Herausforderung sehen Sie auf die Kirche zukommen und wie soll die Kirche ihr begegnen?
Die Kirche sieht sich in zunehmendem Maße in eine atomisierte Gesellschaft versetzt, die zugleich eine vermasste Gesellschaft ist. Dagegen gibt es m.E. nur ein Rezept: Einsam und gemeinsam Salz der Erde und Sauerteig der Welt zu werden. Der Atomisierung unserer Gesellschaft muß die Heiligkeit der einzelnen christlichen Persönlichkeit entsprechen und der Vermassung der Menschheit das Zeugnis gelebter Einheit. Die Beschäftigung der Kirche mit sich selbst und ihre damit verbundene Selbstzerfleischung ist die fatalste Zeit- und Kraftvergeudung. Durch sie wird ihre Zeugniskraft, die sie der Welt schuldig ist, erheblich geschwächt. Die Feinde der Kirche, die gerne nach dem Motto "divide et impera" handeln, haben dann leichtes Spiel. Den Auftrag der Kirche an der Schwelle zum dritten Jahrtausend hat der sterbende Attinghausen in Schillers "Wilhelm Tell" treffend formuliert: "Seid einig, einig, einig"!
9. Wofür arbeiten Sie in der Kirche vor allem?
Mein Ackerfeld ist die Gemeinde. Dort ist der Boden sehr unterschiedlich: steinig, ausgetreten, dornig oder fruchtbar. Das bedeutet genug Arbeit. Darüber hinaus ist mir ein weites Feld der Verkündigung des Wortes zugewiesen, auf dem ich ebenso gerne arbeite: in Vorträgen, Glaubensseminaren, auch Exerzitien...
Meine Intention dabei: die christliche Botschaft nicht als eng, erstarrt oder gar angstmachend zu vermitteln, sondern als Zeugnis eigener Betroffenheit und als ermutigende, befreiende und tröstende Botschaft. Dabei ringe ich immer um eine Sprache, die man heute verstehen kann.
10. Mit welcher Kirche (Gebäude) fühlen Sie sich am meisten verbunden?
Die St. Andreaskirche in Fulda, in der ich jetzt diene, ist meine liebste Kirche. Sie ist fast 1000 Jahre alt und für mich ein Zeugnis für einen Glauben, der alle Ideologien überlebt hat.
11. Welche Lektüre liegt auf Ihrem Nachttisch?
Mehrere Bücher, nach denen ich vor dem Einschlafen je nach dem Grad der Abgespanntheit greife. An erster Stelle das Märchenbuch der Gebrüder Grimm, eine Fundgrube theologischer Bilder und Symbole; ein neu-erschienenes Buch "Ich Bruder Klaus von Flüe" von Pirmin Meier...und die griechisch-deutsche Ausgabe von Homers Odyssee.
12. Was sehen Sie im Fernsehen am liebsten?
Wir haben viel High-Tech in unserem Pfarrhaus, aber kein Fernsehgerät. Ich habe es noch nie vermißt. Ich spiele viel lieber abends mit Gästen und Hausgenossen "Das verrückte Labyrinth".
13. Wobei können Sie am besten entspannen?
Beim Wandern in den Schweizer Bergen und beim Hören von klassischer Musik.
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