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Christus – Rattenfänger oder Menschenfischer?
Von Winfried Abel
Am 26. Juni 1284 verschwanden in der Stadt Hameln auf mysteriöse Weise 130 Kinder. Einem Rattenfänger, der mit seiner magischen Pfeife sämtliche Ratten und Mäuse der Stadt an die Weser gelockt und ertränkt hatte, versagten die Bürger den vereinbarten Lohn. Daraufhin kehrte der Mann in die Stadt zurück und lockte mit seiner Zauberflöte, während die Eltern in der Kirche versammelt waren, die Kinder aus den Häusern und führte sie zu einem nahe gelegenen Berg, wo sie in einer Höhle auf Nimmerwiedersehen verschwanden.
Seitdem warnt man die Menschheit vor Rattenfängern, die mit schönen Versprechungen andere ins Verderben locken, besonders Kinder müssen immer wieder eindringlich ermahnt werden: "geht niemals mit einem fremden Mann!"
Vor 2000 Jahren ereignete sich eine ähnliche Geschichte. Ein Fremder erschien am Ufer des Sees Gennesaret, wo die Fischer gerade ihre Netze ausbesserten, rief sie beim Namen und forderte sie auf, ihm zu folgen. Die Männer ließen prompt ihre Netze liegen, verließen sogar ihre Familien und schlossen sich dem Unbekannten an.
Waren diese Männer verrückt, oder war der Fremde ein gefährlicher Verführer? Keines von beiden! Jesus hatte zwar Macht über die Herzen der Menschen. Aber er verführte niemanden.
Die Zauberflöte des Rattenfängers betörte die Kinder, machte sie willenlos und trieb sie in den Tod. Die magischen Töne eines Verführers lullen die Menschen ein, machen sie zu willenlosen Werkzeugen und befähigen sie zu den schlimmsten Dingen. Der Anruf Jesu dagegen bringt die Menschen zu sich selbst. Seine Worte sind Heimatklänge, sie befreien, sie wirken Freude, sie machen zu den größten Taten fähig.
Wenn ER ruft, dann darf man getrost alles stehen und liegen lassen und IHM folgen. Ja, dann kann sogar die Familie als Hindernis empfunden werden. Denn es gibt Werte, die über alle menschlichen Werte gehen. Es gibt eine Freiheit, die nur im Gehorsam gegen Gott gefunden wird. Es gibt eine liebende Beziehung, die nur in der Loslösung von menschlichen Bindungen erlebt werden kann. Ja, es gibt ein Leben, das mehr ist als Gesundheit und körperliche Vitalität.
"Ich bin das Leben" sagt der Rufende von sich. Und er tritt den Beweis dafür an: nicht einmal der schmerzliche Tod kann sein Leben vernichten. Im Gegenteil! Er macht das wahre Leben erst offenbar. Der Rattenfänger lacht, wenn die Menschen ins Verderben rennen. Jesus weint, wenn die Menschen die angebotene Rettung verschmähen. Lieber will er selbst verloren gehen, wenn nur die Verlorenen gerettet werden!
Vor einigen Jahren hatte ich die Begegnung mit einer lebenslustigen und hochbegabten jungen Frau, die in ein Kloster eintreten wollte. Den Vorhaltungen ihrer entsetzten Freunde hielt sie entgegen: "Wenn man einmal 'the one and the only' gefunden hat, dann gibt es kein Zurück mehr" –
Ja, so ist es: wer je Christus, dem Menschenfischer, ins Netz ging, hat es nie bereut. Wer aber den verführerischen Tönen der Rattenfänger folgt, dem gnade Gott!
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