StartGemeindeKirchePfarrerMedienExtra?

 

 
Der Mensch ist frei, zu bitten und zu danken PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Pfr. Winfried Abel   
Montag, 10. Mai 2010

 

 

Der Mensch ist frei, zu bitten und zu danken
Von Winfried Abel

Der freie Mensch ist das Gegenteil von einem dressierten Tier. Freiheit braucht allerdings Erziehung, und Erziehung wirkt manchmal wie Dressur.
"Wenn Erwachsene sich unterhalten, hast du zu schweigen!" "Wenn du einen Wunsch hast, sag 'Bitte'!" "Wenn dir jemand etwas schenkt, sag 'Danke'!" Solche Ermahnungen, die mir in Fleisch und Blut übergegangen sind, hörte ich häufig von meiner Mutter.
Dreißig Jahre später, Ende der 60-er Jahre, sagte man den Kindern etwas anderes: "Du musst dir von den Erwachsenen nicht alles gefallen lassen!" "Du hast als Kind Rechte, wehre dich gegen deine Eltern!" "Wenn ein Lehrer dich anfasst, dann schlag zurück."…

Damals wurde ich Zeuge eines Gesprächs. Eine Mutter, frisch zugezogen, suchte für ihre Kinder den nächstgelegenen Kindergarten, der dummerweise katholisch war. Schon nach zwei Tagen erzählte sie entsetzt ihrer Nachbarin: "Stellen Sie sich vor, unsere Kinder werden in dem katholischen Kindergarten noch angehalten, 'Bitte' und 'Danke' zu sagen. Derartige Erziehung zur Abhängigkeit und zur Anerkennung von Herrschaftsverhältnissen sind ja finsterstes Mittelalter!" – Man war also inzwischen antiautoritär geworden.

Gegen diese Mentalität des Anspruchsdenkens hört sich die Sprache frommer Kirchgänger wahrhaftig altmodisch an. Da singen zum Beispiel katholische und evangelische Christen recht unbekümmert: "Erkennt, dass Gott ist unser Herr, der uns erschaffen, ihm zur Ehr, und nicht wir selbst; - durch Gottes Gnad ein jeder Mensch sein Leben hat." Der Mensch hat sich nicht selbst erschaffen? Er hat seinem Schöpfer gegenüber nicht einmal ein Recht auf Leben? Ja, dann sieht die Welt ganz anders aus! Dann gründet unser Leben nicht auf einem Anspruch, sondern auf reiner Liebe und Gnade. Das ist keineswegs diskriminierend, - im Gegenteil! Dass Gott dem Menschen so viel Zuwendung schenkt, spricht von einer Würde, die wir uns gegenseitig selten zusprechen, die wir sogar bei uns selbst nicht entdecken.

Am Sonntag vor Christi Himmelfahrt beginnt die so genannte Bittwoche. Im Fuldaer Land sieht man noch die Prozessionen mit wehenden Fahnen durch die Fluren ziehen. Wir bitten den Schöpfer um den Segen für die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit. Der Mensch kann nicht einmal einen Grashalm wachsen lassen.
Die Kräfte der Natur sind, genau betrachtet, die materialisierte Treue Gottes im Großen und im Kleinen. "Bitte" und "Danke" sagen ist somit ein urreligiöser Akt. Der Mensch betet die Größe, die Güte und Treue Gottes an, aber nicht wie ein dressiertes Tier.

Sagte doch ein Rhönbauer, der in einem Fuldaer Restaurant ein Kreuzzeichen schlug, auf die spöttische Frage eines Tischnachbarn, ob denn bei ihm zu Hause alle vor dem Essen beteten: "Ja selbstverständlich! Nur die Schweine beten bei uns nicht!"

 

 

 

 

| powered by anrade.net & social-webhosting.de |