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Die Reifeprüfung bestehen
Von Winfried Abel
Von allen Seiten hört man Klagen über den Verlust von Moral und Sitten in den zwischenmenschlichen Beziehungen, im gesellschaftlichen Leben, in Politik und Wirtschaft. Korruption heißt das moderne Krebsgeschwür der Gesellschaft.
Wer vor mehr als fünfzig Jahren Abitur machte, erinnert sich vielleicht daran, dass neben den schulischen Leistungen auch die sittliche Reife bewertet wurde; sie war eine wichtige Voraussetzung für das Bestehen der Reifeprüfung. Die Zahl der Studienanfänger an den Hochschulen war damals zwar wesentlich geringer, - aber es bildete sich eine Elite, der man zutrauen durfte, später einmal die Geschicke unseres Landes erfolgreich in die Hand zu nehmen.
Das ist längst vorbei. Drei Faktoren bestimmen heute das gesellschaftliche Leben: Genuss, Gewinn und Geltung. Diese drei "G's" sind die unermüdlichen Motoren, die die Menschen beständig auf Trab halten. Die Gier nach Wachstum ins Unendliche wird zum Größenwahn der Politik.
Am Eingang zur Fastenzeit steht wie ein bewährter Türwächter das Evangelium von der dreifachen Versuchung Jesu in der Wüste. Hier geht es genau um diese drei fatalen "G's":
- Aus Steinen Brot machen – das Leben genießen.
- Von der Zinne des Tempels unbeschadet hinunter springen – sich Geltung verschaffen.
- Alle Reiche der Welt in seine Gewalt bekommen – Macht und Besitz gewinnen….
Diesen drei Versuchungen – sie stellen die Summe aller Versuchungen dar – hat Jesus sich gestellt und ihnen widerstanden. ER, der Sohn Gottes, hat der Welt den ursprünglichen Motor des Handelns zurückgebracht, der den Schöpfer einst antrieb, diese Welt und den Menschen zu erschaffen: die Liebe.
Lassen Sie sich einmal auf folgendes Gedankenexperiment ein: am 21. Februar um 24,00 Uhr wird, von magischer Hand betätigt, ein Hebel umgelegt, durch den in Sekundenschnelle die drei Triebe "Genuss, Geltung, Gewinn" weltweit abgeschaltet werden. Was würde geschehen? Am 22. Februar bräche das ganze gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Leben zusammen. Wer ginge noch zur Arbeit, wenn das Geld nicht mehr lockte? Wer triebe noch Politik, wenn Macht und Geltung nicht mehr motivierten? Wer ginge noch in ein Restaurant, wenn der Genuss nicht mehr verführte?
Und dennoch: an einzelnen Orten würden wir wunderbare Dinge erleben: die Mönche sängen noch das Lob Gottes, die Mütter reichten den Säuglingen noch ihre Brust, einige Krankenschwestern beugten sich voll Hingabe über ihre Patienten. Die Generalvikariate wären wahrscheinlich leer, aber einige Priester verkündeten mit glühenden Herzen das Wort Gottes. Eine wunderschöne Vision! Dann stellte sich endlich heraus, wer die Reifeprüfung bestanden hätte: nicht die Tüchtigen, auch nicht die Schlauen, sondern allein die Liebenden!
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